ArchFilm Matinée
18. September | 23. Oktober | 20. November | 4. Dezember

Die ArchFilm Matinée-Reihe wird vom renommierten Architekturhistoriker Helmut Weihsmann ("Das rote Wien", "In Wien erbaut") kuratiert und findet im Sommer- und Wintersemester monatlich im Filmcasino statt. Im Mittelpunkt stehen Dokumentar- und Essay-Filme über Architektur (zu einem guten Teil Erstaufführungen), die zum Teil von Diskussionsrunden prominenter ArchitektInnen und FilmemacherInnen oder einem Vortrag begleitet werden. Begonnen wurde die Reihe im Frühjahr 2005 mit "My Architect". Die Filmreihe ist heute ein fixer Bestandteil der öffentlichen Diskussion über Architektur geworden und bietet Kunst- und Filminteressierten einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt. 

Das Herbstprogramm 2016 hat neben einem Programm zu Mies van der Rohe einen Schwerpunkt mit drei Terminen zu Slum Cities. Die globale Herausforderung wachsender Megacities wird anhand von vielfältigem Filmprogramm und gemeinsam mit zahlreichen Gästen diskutiert.

Im Filmcasino Margaretenstraße 78, 1050 Wien, Reservierungen: Tel. 01-587 90 62 oder www.filmcasino.at 


Mit freundlicher Unterstützung von:


Sonntag,
  18. September 2016 um 13.00 Uhr

Tomorrow We Disappear
(Und Morgen sind wir verschwunden)


Regie: : Jimmy Goldblum/Adam Weber. USA/Indien. 2014. 84 min. OmU. DCP, Österreichische Erstaufführung

>>>TRAILER

Stadterneuerung in der „Dritten Welt“ wird oft verstanden als Strategie der „Slumclearance“ und hat zur Folge die Zwangsabsiedlung der Bewohner und führt schließlich zum Abbruch bestehender Traditionen oder gewachsenen Sozialstrukturen einer Stadt. Der ethnographische Dokumentarfilm TOMORROW WE DISAPPEAR ist ein Beispiel solcher umstrittener Modernisierungs- und Zwangsmaßnahmen der Behörden im Verbund mit privaten Baufirmen. Der Film ist ein vitales und lebendiges Stadtporträt vom Künstlerviertel „Kathputli“ in Neu-Dehli welches Partei ergreift gegen die Zwangsräumung und die einhergehende globale Gentrifizierung am Beispiel einer Slumbereinigung in der indischen Hauptstadt von 2014. Indischen Bettlern und Straßenkünstlern drohte die Entwurzelung wenn ihre Behausungen in den Slums und informellen Siedlungen der selbst errichteten Hütten (shanty towns) von Neu Dehli abgerissen werden und sie am Stadtrand zwangsübersiedelt werden.

Als indische Puppenspieler in den 1950er Jahren im Großraum Delhi vorübergehend eine provisorische Zeltstadt errichten, ahnten sie damals nicht, dass diese sich in den nächsten Jahrzehnten zur größten Straßenkünstlerkolonie der Welt wandeln wird. Die „Kathputli“-Kolonie beherbergt inzwischen mehr als 2.800 Familien, die ihren Lebensunterhalt Tag für Tag als Puppenspieler, Akrobaten, Magier, Trommlern, Feuerspucker oder Schlangenbeschwörer verdienen. Sie leben mit ihren Familien in der ärmlichen Künstlerkolonie. Nun sollen ihre Hütten abgerissen, die Bewohner an den Stadtrand in identitätslosen Massenquartieren verpflanzt und stattdessen wird ein modernes Hochhaus im Bezirk Shadipur gebaut. Drei Jahre verfolgten die beiden amerikanischen Filmemacher Jimmy Goldblum und Adam Weber minutiös dem Kampf der Bewohner/-innen und dokumentierten eine Chronik der letzten Tage von Kathputli. Die Sozialdokumentation begleitet die betroffenen Artisten Puran Bhai (Puppenspieler), Maya Pawa (Seiltänzerin), Rahman Shah (Zauberer), Dilip Bhatt (Trommler), Krishan (Jongleur) und versucht ein Bild zu erstellen, wie jene mit der Kraft ihrer Kunst und Fantasie versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.


Mit einer Einführung durch den Architekten Dr. Ing. Jalil Saber-Zaimian (Universität Wien). Anschließend Podiumsdiskussion mit den Österreichischen TeilnehmerInnen an der Biennale Venedig 2016, the next ENTERprise Architects, Caramel Architekten, EOOS und Liquid Frontiers.
Moderation: Helmut Weihsmann.


       



Sonntag,
  23. Oktober 2016 um 13.00 Uhr


SAKRALITÄT IM PROFANEN – MEISTER MIES


Initiiert und produziert wurde das Projekt von dem Film- und Fernsehproduzenten Mic Thiemann (Qatsi TV) aus Krefeld, der zurzeit im Internet unter dem Titel Builtby.TV ein nicht kommerzielles Spartenprogramm für Architekten und Architekturfreunde aufbaut. Inzwischen kennt man längst das frühe (expressionistische) Oeuvre vom Bauhausmeister Ludwig Mies van der Rohe nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin und dessen Umgebung, sowie aus der Zeit der sog. „Weißen Moderne“ in Neubabelsberg, Stuttgart, Brünn oder Barcelona als sog. Mitbegründer des „International Style” mit Walter Gropius in Amerika, aber kaum sind die beiden Wohnhäusern von Mies in Krefeld bekannt.
Doch inzwischen es gibt neue Erkenntnisse in der Bauforschung um Mies’ frühe Karriere in Deutschland und Holland. Er arbeitete zehn Jahre lang fast ausschließlich für einen kleinen Kreis von Krefelder Bauherren. Sein experimentelles Arbeiten und Schaffen für seine betuchten Auftraggeber sind nicht nur von außergewöhnlicher Schönheit, Reinheit und Qualität geprägt, sondern die beiden funktionalen Villenbauten sind von eindringlicher und purer Kraft. Nicht lange nach seinen ersten revolutionären Entwürfen erhielt Mies von zwei miteinander befreundeten Krefelder Textilfabrikanten, Hermann Lange und Josef Esters, den Auftrag zwei miteinander verbundene Wohnhäuser auf einander angrenzenden Grundstücken in Ziegelbauweise zu bauen. Hermann Lange war ein Sammler und Kenner moderner, abstrakter Kunst, der selbst Verbindungen zum Berliner Kreis der abstrakten Künstlern, Plastikern und der Bauvereinigung „Der Ring“ hatte. Diese Werke bzw. Baupläne aus den Jahren 1927 bis 1938 zeigen auch die ganze Vielseitigkeit dieses berühmten Architekten. Reporter und Regisseur Drafz begleitete Christiane Lange mit einem Kamerateam bei den Recherchen für ihr Buch. Für den Film interviewte man noch lebende Zeitzeugen und Bauforscher. Der Film gibt mit teils unveröffentlichten Film- und Fotodokumenten einen Einblick in das von den Seidenfabrikanten geprägte kulturelle Umfeld sowie das gesellschaftliche und großbürgerliche Milieu im Krefeld der Weimarer Republik.


Mit den Filmen:
DOPPELHÄUSER LANGE & ESTERS
Regie: Helge Drafz/Christiane Lange. Deutschland. 2011. 26 min. Farbe. DF. Digital. ÖE.

Ludwig Mies van der Rohe hat nicht nur in Berlin, Stuttgart, Brünn, Chicago und New York seine wegweisenden Beiträge zur Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts geleistet. Im selben Atemzug darf auch die deutsche Kleinstadt Krefeld genannt werden. Mit der Seiden- und Industriestadt in Niederrhein war Mies über viele Jahre beruflich verbunden. Für zwei kunstsinnige Krefelder Seidenfabrikanten entwarf Mies Ende der 1920er Jahre benachbarte Villen: Haus Lange und Haus Esters. Sie waren ein klares Bekenntnis zur Philosophie des Bauhaus und des industriellen Fortschrittglaubens. Die interessante Filmdokumentation über die beiden Wohnhäuser Lange und Esters widmen sich der Entstehungsgeschichte der Bauten wie auch deren Konstruktion, Tektonik und Ästhetik. Die funktionalen und zugleich großbürgerlichen Wohnkonzepte werden an der baulichen Struktur ebenso ablesbar wie an zahlreichen historischen Detail

LUDWIG MIES VAN DER ROHE IN KREFELD
Regie: Helge Drafz/Christiane Lange. Deutschland. 2011. 56 min. Farbe. DF. Digital. ÖE.

Der Tuchfabrikant Hermann Lange, Gründer der Vereinigten Seidenwebereien A.G. (Verseidag), wollte die Avantgarde an den Niederrhein holen. Der Sammler moderner Kunst, der auch Mitglied im Deutschen Werkbund war, konnte Mies für ganz unterschiedliche Aufträge gewinnen. Die zwischen 1927 und 1930 erbauten benachbarten Wohnhäuser zählen längst zu den Inkunabeln des Neuen Bauens. Mies zeichnete auch als Chefdesigner für einige Messeauftritte der Krefelder Seidenindustrie verantwortlich, gestaltete zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin und Büropartnerin Lilly Reich sowohl das Café „Samt und Seide“ im Rahmen der Berliner Ausstellung „Mode der Dame“ von Frühjahr 1927 als auch die internationale Ausstellung „Deutsche Seide“ (1929) auf der Weltausstellung in Barcelona; ebenso entwarf er Möbel, Einrichtungen oder die technische Ausstattungen für Büros der Seidenindustrie sowie mehrere nicht realisierte Werks- und soziale Belegschaftsbauten für den Fabrikanten Lange, darunter ein elegantes Klubhaus für den Krefelder Golfplatz am Hülser Berg.



Sonntag,
  20. November 2016 um 13.00 Uhr

SLUM PLANET –

DIE SCHATTENSEITEN DER MEGACITIES



Zurzeit erleben wir die „urbane Wende’“ der Menschheit. Zum ersten Mal leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Doch leben sie vor allem in den städtischen Elendsvierteln der „Dritten Welt“. Schon jetzt zählt die globale Slumbevölkerung eine Milliarde Menschen. Diese beiden Stadtporträts der Filmreihe „The Promised City“ verführen die Zuschauer an den Rand der Metropolen, in die Slums von Mumbai und Bogotá, wo abseits den Prachtbauten im Zentrum ein Fünftel der Stadtbevölkerung im prekären Lebensumstände abseits der Gesellschaft leben und ein Leben zwischen Armut, Demütigungen und Gewalt führen.


Mit den Filmen:
MUMBAI DISCONNECTED
Regie: Camilla Nielsson/Frederik Jacobi. Dänemark. 2009. 58 min. Farbe. OmU. Digital. ÖE.

Mumbai ist zwar eine chaotische Stadt voller Widersprüche und Probleme, aber eines steht ebenso fest: Stadtplanung im westlichen Sinn ist hier keine einfache „rationale“ Angelegenheit in der weltgrößten Demokratie. Mumbai ist ein Moloch die unentwegt wächst und sich ausbreitet. Tag für Tag steht sowohl die prekäre Verkehr als auch die schwache Infrastruktur der Stadt vor dem totalen Zusammenbruch.



BOGOTÁ CHANGE
Regie: Anders Møl Dalsgaard. Dänemark. 2009. 58 min. Farbe. OmU. BluRay. ÖE.

Die Hauptstadt Kolumbiens galt noch vor wenigen Jahren als der gefährlichste Ort in Südamerika, bis eine überraschende Wende durch einen Machtwechsel an der Spitze der Stadtverwaltung 1995 geschah. Ausgedehnte Favelas rings um die Außenbezirke prägte das Stadtbild von Bogotá, wo rund 600 informelle Siedlungen über Nacht empor wuchsen. Die Stadtdokumentation BOGOTÁ CHANGE erzählt die interessante Entwicklungsgeschichte dieser unerwarteten sozialen und städtebaulichen Veränderung unter den charismatischen Bürgermeistern Antanas Mockus Šivickas und Enrique Peñalosa zum Besseren.


Im Anschluss findet eine Podiumsdiskussion mit dem Städtebauer Univ.-Prof. Andreas Hofer (Institut für Städtebau, TU/Wien), dem Lateinamerika-Experten emer. Univ.-Prof. Gerhard Drekonja-Kornat (Institut für Geschichte/Universität Wien), der Gastprofessorin Dr.Ing.. Lina Sánchez-Steiner (Universidad del Norte in Barranquilla, Kolumbien), der Stadtforscherin  Theresia Kaufmann und dem Kurator Helmut Weihsmann (Architekturhistoriker) statt.

 
        



Sonntag,
  4. Dezember 2016 um 13.00 Uhr

DHARAVI – SLUM FOR SALE

Regie: Lutz Konermann. Schweiz. 2010. 79 min. Farbe. DF. Digital.


>>>TRAILER

Das alte Bombay hat sich unter neuem Image und Umbenennung als Mumbai gleichzeitig neu erfunden und sich schnell in eine moderne Wirtschaftsmetropole verwandelt. Von seinen rund 20 Millionen Einwohnern leben mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Slumvierteln. Die ausgezeichnete Sozialreportage thematisiert nicht nur die prekären Lebens- und Wohnbedingungen der meisten Bewohner von Dharavi, sondern auch das tägliche Überleben dieser Personen in einer prekären Schattenwirtschaft. Einst am Rande von Mumbai gelegen, befindet sich der Stadtteil Dharavi heute im Herzen der ringsum wuchernden Metropole, eingeschlossen von zentralen Verkehrsadern und in unmittelbarer Nachbarschaft zu Mumbais neue und exklusive Finanzzentrum. Am Beispiel eines fragwürdigen, privat finanzierten Stadtsanierungskonzepts zeigt die nachdenkliche Dokumentation die Gefahr einer Gentrifikation bzw. sozioökonomischer Strukturwandel des „Problembezirks“ im Sinne einer Vertreibung ärmerer und eines Zuzugs wohlhabender Bevölkerungsschichten.

Das ehemalige Sumpfland hat sich in Nu zu eine lukrative und profitträchtige Bodenspekulationsobjekt verwandelt und entwickelte sich zu einer Spielweise für geldgierige Investoren und Immobilienhaie sowie westliche Banken und Regionalplaner. Vor zehn Jahren ist der in den USA ausgebildete Architekt Mukesh Mehta in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um eine radikale Wende in der Stadtpolitik einzuläuten, aber er wird zum Sündenbock erklärt. Der ärmste Bezirk von Mumbai ist gleichzeitig der größte Slum Asiens und sollte nach Plänen der Behörden und Investoren dem Erdboden gleich gemacht werden. Einer Millionen Menschen drohte die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage. Der Dokumentarfilm thematisiert anhand von Einzelschicksalen anschaulich den Konflikt zwischen Arm und Reich, ökonomische Verlierer und Gewinner in der Epoche der Globalisierung und Homogenisierung der Kommunen im Neo-Kapitalismus. Dharavi ist zum Testfall für ganz Mumbai – und für ganz Indien, in der das Kapital auch vor den Hütten der Ärmsten und sog. „Unangreifbaren“ nicht Halt macht. Im Namen des Fortschritts soll das Elend der Stadt ebenso wie ihr Wohngebiet verschwinden.

Anschließend findet eine Podiumsdiskussion mit der lehrenden ArchitektIn Karin Raith (Universität für Angewandte Kunst), der Stadtforscherin  Dr. Ing. Sabine Knierbein (SKuOR/TU-Wien), dem indischen Bildungs- und Stadtforscher Dr. IIan Banerjee (ISRA/TU-Wien) und Helmut Weihsmann (Kurator) statt.