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ArchFilm Matinée

Die Architekturfilm-Reihe am Sonntag Nachmittag im



Filmcasino | Margaretenstr. 78 | 1050 Wien
>>> Zur Website: www.filmcasino.at



Die ArchFilm Matinée-Reihe wird vom renommierten Architekturhistoriker Helmut Weihsmann ("Das rote Wien", "In Wien erbaut") kuratiert und findet im Sommer- und Wintersemester monatlich im Filmcasino statt. Im Mittelpunkt stehen Dokumentar- und Essay-Filme über Architektur (zu einem guten Teil Erstaufführungen), die zum Teil von Diskussionsrunden prominenter ArchitektInnen und FilmemacherInnen oder einem Vortrag begleitet werden. Begonnen wurde die Reihe im Frühjahr 2005 mit "My Architect". Die Filmreihe ist heute ein fixer Bestandteil der öffentlichen Diskussion über Architektur geworden und bietet Kunst- und Filminteressierten einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt.

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IG Architektur | Architektur aktuell





So 9. April 2017, 13 Uhr

Die Weiße Stadt – Das emigrierte Bauhaus von Tel Aviv



Das Filmprogramm zeigt die moderne Architektur der Stadt Tel Aviv einmal von ihrer spannenden städtebaulichen und architekturhistorischen Aspekte. Im damaligen britischen Protektorat Palästina, jenen von Theodor Herzl erträumten zionistischen Staates („Eretz-Isreal“), entstand zwischen 1930-56 das größte städtische Ensemble moderner Architektur an der Küste des Mittelmeeres. Nur hier in dieser sog. „Weißen Stadt“, kann man heute noch die Vielfalt und urbane Potential der heute oft geschmähten funktionalistisch-rationalen Architektur des Bauhauses bewundern. Die „Weiße Stadt“ ist seit Juli 2003 zum Kulturdenkmal der UNESCO erkoren worden. Das Stadtzentrum verfügt, wie hierzulande wenig bekannt ist, ein einzigartiges Bauensemble von zirka 4000 Häusern im Stil des „Neuen Bauens“. Erst 1857 fand die Gründung des Vorortes Neve Zedek durch zwanzig jüdische Siedlerfamilien statt nördlich von der Hafenstadt Jaffa. Ab zirka 1930 erfolgte der Ausbau der ersten modernen Bauten und Wohnanlagen im „Internationalen Stil“, vor allem durch jüdische Immigranten und Mitglieder der Bewegung der Kibbuzim aus Deutschland, Polen, Weißrussland und dem Baltikum. Zwischen 1931 und 1956 entstand jene neue Stadt, dem der sog. abstrakte und kühle „Bauhaustil“ zugrunde lag. Tel Aviv ist eine von weit her, übers Mittelmeer angespülte Utopie aus dem Roman „Alt-Neuland“ (1904) vom Wiener Zionisten Theodor Herzel, der auf dem Frühlingshügel („Tel Aviv“) von Neve Zedek nahe Jaffa, der Hafenstadt des heiligen Landes Palästina strandete. Die erst 1909 gegründete Stadt in der Wüste wurde für den Judenstaat das architektonische Symbol eines mutigen Neubeginns. Eine puristische und moderne Gartenstadt entstand, die rein weiß leuchtet. Zahlreiche Bauhaus-Schüler sowie andere Avantgardisten der ersten Garde aus Berlin, Wien, Paris, Warschau, Moskau und Leningrad orientierten sich am Kanon der „Neuen Sachlichkeit“ oder der Formensprache des kubistischen Expressionismus und Art déco. „Das wird hier nichts“ soll Sir Winston Churchill, damals englischer Mandatsverwalter der Region, im Qualm seiner Zigarre in sich hinein gemurmelt haben, als sich internationale Architekten daran machten, hier eine moderne und funktionale Stadt im Wüstensand nach einem Masterplan vom schottischen Stadtplaner Sir Patrick Geddes zu bauen. Das junge Land, das sich wenige Jahre später Israel taufen wird, brauchte dringenden Platz für Abertausende von Emigranten, die sich aus ganz Europa hierher von den Antisemiten ihrer Herkunftsländer flüchten, auf der Suche nach einer sicheren Heimat und einem fruchtbaren und baufähigen Boden.

Moderation Helmut Weihsmann (Wien)





Mit den Filmen:

Tel Aviv - Die Weiße Stadt

R: Horst Brandenburg | D 2005 | 15 min | Farbe | DF | ÖE


Die jungen und vor allem die progressiven Architekten aus Europa wurden in den besten Bauschulen ausgebildet und passten sich den en-vogue-Stil des damaligen Zeitgeistes des Kubismus und der semi-avantgardistischen Pariser „Mode 25“ bzw. an das Klima des Mittelmeeres und sein kulturelles Umfeld an. Arieh Sharon, Josef Neufeld, Genia Averbouch, Richard Kauffmann und Erich Mendelsohn, Dov Carmi, Zeev Rechter, Pinchas Huet, etc. sind nur einige der Architekten, die zu der Blüte der Stadt Tel Aviv beitrugen. Heute sind die Rondeaus und Prachtstrassen wie dem Rothschild Boulevard im Herzen der „Weißen Stadt“ und die ebenso nobleren Wohn- und Geschäftstrassen an der Ben Jehuda Road oder den eleganten Einkaufsstrassen Dizengoff, Frishman, Allenby ein dicht begrüntes Wohnareal, inmitten in einer quirligen Metropole. Nur klare Linien herrschen in der Stadtgestaltung vor. Keine Schnörkel des Jugendstils mehr, kein Historismus, keine Dekoration ohne Zweck, sondern klare Geometrie und gerade Linien im Spiel von Licht und Schatten. Nichts pompöses zum Repräsentieren, nichts zum Vortäuschen, alles hat seinen Sinn und Zweck, der Funktion angepasst: Form follows function (Form folgt der Funktion) ist das Leitmotive der Moderne und den sog. „weißen Sozialismus“, welches im Bauhaus von Weimar und Dessau geboren und entwickelt wurde und in Tel Aviv so konsequent umgesetzt wurde wie nirgendwo sonst auf der Welt. Walter Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier, Erich Mendelsohn, Oskar Kaufmann, Josef Neufeld und Adolf Loos sind die Formgeber und Lehrmeister; Arieh Sharon, Zeev Rechter, Shlomo Bernstein, Richard Kauffmann, Alfred Mansfeld, Munio Gitai-Weinraub, Yehuda Kurt Ungers, Paul Engelmann, Eugen Székey, Dov Karmi, Eugen Stolzer, Judith Segall und Genia Averbouch. Die meisten von ihnen kommen aus Mitteleuropa als verfolgte jüdische Flüchtlinge in das Land ihrer Vorfahren und bauen das „Neue Jerusalem“. Reinste „Bauhausarchitektur“, angepasst an die klimatischen, topographischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Nahen Ostens beherrscht die Gestalt von Tel Aviv. Die Stadt zeigt auch den Reichtum und überraschende Vielfalt, die der in Mitteleuropa erfundene „Internationale Stil“ zur Zeit der Neugründung von Tel Aviv hervorgebracht hat.



Stadt-Sinfonie „The White City – Tel Aviv“ 1926-1964
 
R: V.A. (© Jewish Film Library). Israel. 1999. 75 min. englische OF


Das spannende Archiv- und Wochenschaumaterial aus den Jahren 1926 bis 1964 stammt vorwiegend aus hebräischen und anglo-sächsischen Quellen in Israel und den USA. Die kleinen Filmjuwelen Stadt-, Werbe- und Baufilme stammen vornehmlich aus dem Jewish Film Archive in Jerusalem und wurden 1999 mit großen Aufwand gerettet und restauriert vom amerikanischen Starregisseur Steven Spielberg und seiner Stiftung in Zusammenarbeit mit der Hebrew University in Jerusalem. Neben Reportagen über die Gründung Israels und über die ersten jüdischen Ansiedlerwellen nach Israel und die Geburt der Stadt Tal Aviv im Wüstensand unter der britischen Hoheitsverwaltung nach dem Ersten Weltkrieg, kann man die rapide Entwicklung von Tel Aviv zur mondänen und luxuriösen Seebad-, Urlaubs- und Villenstadt mit Pariser Flair sehr anschaulich verfolgen. Grüne Parkanlagen, reinweiße Bauten, Straßencafés, Straßenverkäufer, Bazars, Supermärkte, moderne Kinos, Kulturbauten wie dem Nationaltheater oder den eleganten Strandcasinos prägen das hübsche Stadtbild seit 1947 als das Land unabhängig wurde. Tel Aviv ist ebenso amerikanisch geprägt mit seinem modernen stromlinienförmigen Bauten, Neonlichtern, Jazzclubs und starken Autoverkehr mit den vielen amerikanischen Straßenkreuzer, Taxis, altmodisch gekleidete Rabbiner sowie sehr elegant gekleidete Damen und dem hektischem Tempo des Individualverkehrs.





So 30. April 2017, 13 Uhr

Rot flammt es am Horizont: DIE INTERNATIONALEN BAUBRIGADEN IN DER UdSSR



„Rot flammt es am Horizont" – unter diesem griffigen und programmatischen Leitspruch stehen äußerst seltene und anspruchsvolle dokumentarische, agitatorische sowie propagandistische Bau- und Stadtfilme im Zeichen der sowjetischen „Oktober Revolution“ und dem raschen Aufbau des bolschewistischen Staates mit der neuen Wirtschaftsordnung NEP von Lenin. Im Oktober 1930 brach eine Gruppe deutscher Architekten aus Frankfurt als „Baubrigade" unter der Leitung von Ernst May bzw. seinen bewährten Mitarbeitern/-innen Mart Stam, Hans Schmidt und die Erfinderin der „Frankfurter Küche“ Grete Schütte-Lihotzky sowie dem Marxisten Hannes Meyer im Schlepptau nach Moskau auf. Die Schicksale und Spuren dieser idealistischen Kommunisten sind kaum mehr bekannt und noch weniger auf Film dokumentiert. Aus Staatsraison und Kalkül lud die KPSU ausländische Baufachleute und Wirtschaftspragmatiker aus Deutschland, Holland und den USA ein. Mit fliegenden Fahren haben diese Baubrigaden aus verschiedenen Ländern Europas und den USA die Einladung der sowjetischen Regierung angenommen nach Moskau zu reisen, um im sozialistischen Wunderland ganz neue Städte im Ural, der Ukraine oder im Kohlenrevier von Kemerowa in West-Sibirien zu erschaffen.

Im Anschluss der Filmvorführung findet ein Zwiegespräch mit dem in Paris und Moskau arbeitenden Regisseur Heinz Zschech (TV Studio 777) statt. Moderation von Helmut Weihsmann (Kurator).





Mit den Filmen:

Philipp Tolziner

R: Heinz Zschech | D 1994 | 30 Min. | DF


Im Zuge der ersten „Fünfjahrespläne“ der Einheitspartei KPSU zur raschen Industrialisierung der UdSSR unter der stalinistischen Diktatur wurde in Architekturkreisen immer heftiger die Frage gestellt, wie eine zeitgemäße Formensprache der Architektur und des modernen Städtebaus im real-existierenden Kommunismus aussehen sollte.

Die produktivsten unter ihnen war die Baubrigade „Rotfront“ von Hannes Meyer und seine Schülern am Bauhaus in Dessau, die im Zentrum der Erz-, Kohle und Kalisalz Region im Ural, neue Städte im Osten des Landes errichtet haben. Einer davon war der heute beinahe vergessene jüdische Architekt und Kommunist Philipp Tolziner aus München, der am Bauhaus in Dessau bei Prof. Hannes Meyer studiert hatte. 




Sotsgorod – Cities for Utopia
 
R: Anna Abrahams | NL 1995. 92 Min. | OF | 16mm


In den 1930er Jahren legte der hohe sowjetische KPSU-Funktionär und damalige Finanzminister Nikolai A. Miljutin (1889-1942) mit dem Buch Sotsgorod (1930) die organisatorische Grundlage und bautechnische Vision einer marxistischen geprägten Stadt- und Lebensgestaltung vor, wie sie in der Industrieregion von Magnitogorsk, Stalingrad und Kemerowo (Kuzbass) in Sibirien ab 1930 in Ansätzen realisiert wurde. Als Chefideologie und Propagandist der avantgardistischen Idee der sog. „Bandstädte“ wurde Miljutin somit zum Befürworter der neuen „Satellitenstädte“ in der UdSSR, einem der wichtigsten Bindeglieder zum „Neuen Bauen“ in Deutschland, welches von den Nazis sofort als „jüdisch-bolschewistisch“ verunglimpft wurde. Die aktive Mitwirkung von Ernst May, Mart Stam, Grete Schütte Lihotzky, Hans Schmidt und Hannes Meyer aus der Schweiz wie die holländischen Kommunisten um Han van Loghem, Sebald Rutgers und seinem jungen Sohn Jan Rutgers aus Rotterdam bereicherte das Spektrum des sozialistischen Bauens in der Anfang- bzw. Aufbauphase der Sowjetunion. Die Orientierung an westlichen und modernen, vorwiegend amerikanischen Entwurfsideen und Produktionsmethoden der Industrie, vor allem aber die Forderung nach dezentralisierten Großstädten machte das Projekt Sotsgorod nicht nur zur Pflichtlektüre der Avantgarde des russischen Konstruktivismus, sondern machte den Autor ebenso zum unfreiwilligen Staatsfeind unter Stalin.



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