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Jedem Dorf sein Underground

Jakob Kubizek | AT 2018 | 80 min | OV

Anfang der 1990er-Jahre schafft eine Gruppe Jugendlicher in der oberösterreichischen Kleinstadt Steyr einen Platz zur Entfaltung, einen Ort für Ihre Träume. Diese Doku über das „Röda“ ist eine Geschichte über die unheimliche Kraft, die von einigen wenigen Schülerbands ausgehen kann, die ihr Schicksal in die Hand nehmen – und ein Wiedersehen mit Bands wie Kurort, Deadzibel, Play the Tracks Of, Naked Lunch, Those Who Survived The Plague, Texta, u.a.

„Der Film beginnt mit dem Sound einer bluesigen Slide-Gitarre, er beginnt mit Bildern einer Landschaft am Wasser, einer Blasmusikkapelle in einer Altstadt, er beginnt mit ein paar Worten von Regisseur Jakob Kubizek, aus dem Off, im Dialekt. Und auf der Stelle fühlt man in die Umgebung der eigenen Adoleszenz zurückversetzt – auch wenn dort ein völlig anderer Dialekt gesprochen wurde. Aber das Feeling, das war für rebellische, musikalisch unterversorgte Jugendliche in den Kleinstädten und Dörfern der Prä-Smartphone, Prä-Social-Media-Ära der Achtziger und Neuziger Jahre so ziemlich überall das Gleiche. Deshalb ist die Geschichte, die Kubizek in „Jedem Dorf sein Underground“ erzählt, nicht nur die Geschichte der Jugendlichen von Steyr, die sich in den Neunzigern zusammentaten, um einen Raum für sich, ihre Musik, ihre Selbstverwirklichung zu erkämpfen: Sondern es ist die Geschichte von so vielen, die ihre Jugend in der Provinz erlebten. Fast überall gab es, wie in Kubizeks Steyr seiner Jugend: nix. Fast überall wurde man mit dem Gefühl groß, in einer Falle zu leben, die sich erst mit der Volljährigkeit in Selbstbestimmung und Freiheit öffnen würde. Fast überall musste man sich zuvor das, was man wollte, selber machen: die Musik, die Räume, die Konzerte.

Was Kubizeks Geschichte von anderen unterscheidet: Sie ist kein bisschen resignativ, sie ist voller Punk und Rock´n´Roll und genial kanalisiertem jugendlichen Übermut, voller Tatkraft und Bewegung und Aufbruch und Wir-schaffen-das. Und sie hat ein Happy End; jedenfalls so etwas in der Art.

Es ist das herzerwärmende, akribisch zusammengesuchte und sorgfältig montierte Archivmaterial, das diese Geschichte vom Kulturzentrum Röda so lebendig macht. Kubizek hat zahllose Fotos und Videos aus der Zeit gesammelt, von Bands, Konzerten, Mitstreitern, wunderbare Dokumente vom Entstehen des Röda. Und er hat die einstigen Protagonistinnen und Protagonisten dieser Bewegung noch einmal aufgesucht, und zeigt sie uns, älter geworden, manche grau, aber alle noch immer geprägt von der Euphorie, die sie damals trug. (Die ehemalige Hardcore-Band Artificial Pesticides auf der Kuscheltier-Couch: herrlich.) Daraus entsteht ein grandioses Porträt des Erwachsenwerdens, vom Zusammenhalten, von Gegenwinden und vom Durchhaltevermögen, und wie man als junger Mensch seine Stimme entdeckt, den eigenen Sound, wie man seine Sprache findet und darüber irgendwann man selbst wird.

Der Film lässt einen bedauern, dass solche Geschichten in der Smartphone-Generation rar geworden sind. Man würde dem eigenen Nachwuchs eine derartige Sozialisation so sehr wünschen: wie man ein Gefühl bekommt für die eigenen Stärken und für Kraft einer Bewegung, den Umgang mit Konflikten und Frust, die Euphorie, wenn man gemeinsam und mit den eigenen Händen etwas gebaut und geschafft hat.

Der Film könnte auch heißen: „How to be young“ Wie der kluge Musiker, Kabarettist und Steyrer Rudi Schöller sagt: „Man soll einfach machen. Entweder es entsteht etwas Großes daraus, oder es macht nix.“ In dem Fall: eher etwas Großes, und ein kleiner, großer Film.“ (Doris Knecht)


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