In Kandahar begann 1994 die Herrschaft der
Taliban über Afghanistan. Am 9. Dezember 2001 gaben die Taliban-Führer
auch diese letzte Bastion nach langem Widerstand auf. In SAFARÉ
GHANDEHAR erzählt der iranische Regisseur Moshen
Makhmalbaf von einer Reise durch ein Land voller
Angst und Unterdrückung.
REISE NACH KANDAHAR -
1999
Nafas (Nelofer
Pazira), eine kanadische Journalistin afghanischer
Abstammung, will in ihr Heimatland zurückkehren, um ihre in Kandahar
lebende Schwester zu suchen, die aus Verzweiflung über die prekären
Lebensumstände droht sich das Leben zu nehmen. Um überhaupt die Grenze
zu Afghanistan überschreiten zu können, muss sich Nafas – unter einer
Burka versteckt – als Ehefrau eines ihr fremden Mannes ausgeben. Mit
Hilfe von vier verschiedenen Führern (einem alten afghanischen
Flüchtling, einem Jungen, der aus einer Koranschule geworfen wurde, einem
farbigen, zum Islam übergetretenen Amerikaner und einem einarmigen Opfer
russischer Landminen), von denen jeder eine andere dunkle Seite des Lebens
unter der Taliban-Herrschaft darstellt, versucht Nafas vergeblich nach
Kandahar vorzudringen – am Ende des Filmes spricht sie von Afghanistan
als einem großen Gefängnis.
Schon zu Beginn dieser Reise hat sie diesen
Satz formuliert: in einem Hubschrauber überflog sie exakt jenes Lager,
das sie später durchquert. In Niatack nämlich werden die zahllosen
Menschen versorgt, die Opfer von Landminen wurden. Menschen, die
beispielsweise sehnsüchtig auf Prothesen warten, die der Hubschrauber an
Fallschirmen abwirft. Tritt dieses seltene Ereignis ein, setzt sich das
Heer der Versehrten auf Krücken in Bewegung, in einer Art grotesken
Wettlauf auf die Abwurfstelle zu, wobei sie die herabschwebenden Prothesen
im Blick halten. Ein bizarres Bild, in Slowmotion gefilmt, eine der vielen
Metaphern des Filmes, ein Bild, in dem die Zeit stillsteht.
MEHR ALS NUR EINE
WAHRE GESCHICHTE
Obwohl der Film einer wahren
Begebenheit zugrunde liegt (nicht die jüngere Schwester, aber eine gute
Freundin Paziras kündigte ihren Selbstmord in Afghanistan an), will
Moshen Makhmalbaf mehr und anderes als nur eine wahre Geschichte
erzählen. Seine klaren, reduzierten Bilder beanspruchen eine traurige
Universalität: Nafas Reise bleibt ohne Lösung und Ziel. Obwohl der Film
ein Plädoyer gegen die Entmündigung der Frauen unter der
Taliban-Herrschaft darstellt, lässt er sich nicht für billige Propaganda
einspannen, denn nicht der Kampf gegen Terroristen interessiert Makhmalbaf,
sondern das Engagement für die Zivilbevölkerung.