|  Der Nordrand von Wien, Mitte der 90er Jahre, Winterbeginn. Jasmin (Nina Proll) und Tamara (Edita Malovcic), die zusammen eine Volksschule in Transdanubien besuchten, treffen sich zufällig in einer Abtreibungsklinik wieder. Die zwei sehr gegensätzlichen jungen Frauen beschließen aus unterschiedlichen Gründen, daß sie noch nicht reif für ein Kind sind. Tamara nimmt ihre Pflichten als junge Erwachsene sehr ernst. Sie arbeitet gewissenhaft in einem Krankenhaus, obwohl eine ständig nörgelnde Vorgesetzte sie an ihrem Traumberuf Krankenschwester zweifeln läßt. Sie fühlt sich oft einsam, weil ihre serbische Familie kurz vor dem Krieg nach Sarajewo zurückgekehrt ist und ihr Freund Roman (Michael Tanczos) seinen Militärdienst als Grenzschutzsoldat absolviert. Jasmin dagegen läßt sich treiben. Sie arbeitet in einem Großkaffeehaus und genießt die Süßigkeiten und die Männer gleichermaßen. Beides scheint ihr über die trostlosen Zustände zuhause in einer großen Neubausiedlung, wo sie mit ihren ständig streitenden Eltern und jüngeren Geschwistern auf engstem Raum zusammenlebt, hinwegzuhelfen. Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit ihrem Vater läuft sie von zu Hause weg. und versucht, bei ihren Bekannten unterzukommen. Diese betrinken sich zwar gerne mit ihr aber wohnen kann sie nicht dort und Jasmin bleibt allein am eisigen Donauufer zurück. Senad (Astrit Alihajdaraj), ein illegal eingereister bosnischer Flüchtling, findet sie bewußtlos und halb erfroren am nächsten Morgen. Er nimmt ihre Brieftasche und bringt sie in das Krankenhaus, in dem Tamara arbeitet. Obwohl sie einander eigentlich fremd sind, läßt Tamara Jasmin bei sich einziehen und langsam entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Das schlechte Gewissen führt Senad an Jasmins Arbeitsplatz, um ihr die Brieftasche mitsamt Geld zurückzugeben. Die gegenseitige Anziehung bringt die beiden in Senads Bett im überfüllten Flüchtlingsheim. Inzwischen geht Tamaras Beziehung zu Roman auf Grund seiner Besitzansprüche zu Ende. Sie ist hin-und hergerissen zwischen ihren Gefühlen für einen früheren Freund aus der DJ-Szene und dem verlockenden Lächeln von Valentin (Tudor Chirila), einem jungen rumänischen Lebenskünstler, der davon träumt, nach Amerika auszuwandern. Alle treffen sich zu Silvester am Stephansplatz für einen kurzen Moment der Nähe und des Glücks, aber die verschiedenen Sehnsüchte der unterschiedlichen Charaktere lassen sich nur schwer zusammen erfüllen. Am Ende des Winters haben sich alle verändert oder auch nicht, aber zumindest eine Entscheidung getroffen. Als sich die damalige Filmstudentin Barbara Albert vor drei Jahren vergeblich bemühte, mit der bewunderten Regisseurin Jane Campion am Lido in Venedig in Kontakt zu treten, ahnte sie nicht, dass sie mit Nordrand heuer im Wettbewerb um den goldenen Löwen gegen viele arrivierte Filmkünstler antreten würde. "Draußen am Meer scheint die Sonne, drinnen im Kino fällt der Schnee und läßt jemanden einen Moment lang glücklich sein." (Claus Philipp) Neben internationalem Lob und vielen Festivaleinladungen gab es immerhin den Marcello Mastroianni Award für die beste Nachwuchsschauspielerin für Nina Proll zu feiern . Nordrand ist die konsequente Weiterführung der bisherigen kurzen Arbeiten (siehe Seite 5) von Barbara Albert. Der Übergang von einem Lebensalter ins nächste, eine zentrale Frauenfreundschaft und die Konfrontation von Sehnsucht und Realität sind neben der formalen Zugangsweise auch hier wichtige Elemente des Albert´schen Universums. Der Film beeindruckt vor allem durch die stimmige Konstruktion von dichten, berührenden Szenen, deren Einzelelemente für sich auch leicht ins Kitschige abgleiten könnten. Es zeugt von einer großen inszenatorischen Meisterschaft, die Musik der "Kelly Family" glaubwürdig als Begleitmusik für ein ambivalentes Gefühl, eine routinemäßige Annäherung zwischen Jasmin und einem "Haberer", die der Hilflosigkeit und dem Alleinsein entspringt, und trotzdem auch ein reales Sehnen transportiert, einzusetzen. Die Grundbewegung von Nordrand ist ein Driften, das sich verzweigt und wieder bündelt. Etwas beginnt und findet anderswo eine Entsprechung, Widerspruch oder Fortsetzung. Nordrand schließt lose an zwei schöne Filmstränge an: den jungen "Ambient-Realismus" im aktuellen französischen Kino und an die fast schon verschütteten "Wiener Filme" der späten 70er Jahre. Alberts Figuren rekrutieren sich allerdings kaum mehr aus dem charmanten "male white trash" ihrer Kinovorfahren, sondern entsprechen einer neuen politischen Situation und Sichtweise. Wien 1995: Flüchtlinge, Gastarbeiterkinder, "female white trash"- mit Ernst und Zuneigung beschrieben. Nordrand hat Hochachtung vor dem Detail und dem großen Gefühl, das gerade in den Details steckt. |