Bilder einer grauen Zugfahrt nach Bad Schandau in der DDR 87. Gelbe Kinderregenmäntel mit Parteiabzeichen. Kilometerlange Schlangen tschechischer Reisebusse auf der Brünner Straße 89. Weihnachten. Ein halb erfrorenes Mädchen im Schnee. Ein Bier am Strand im Norden. Seven Seconds. Tote und Tränen vor den Fernsehnachrichten. Erdbeerbowle am Balkon der Siedlung. Das Mädchen im rosa Minirock am Kiosk in Sarajewo. Herbstwind. Ein roter Drachen am Himmel. Bilder.
Nordrand ist für mich ein Konglomerat von vielen Dingen, die mein Leben ausmachen.Ich habe 1995 angefangen, das Drehbuch zu schreiben und hatte damals meine Bilder der letzten Jahre gesammelt. Anfangs war das ein irrsinniges Puzzle von Geschichten, die mir oder Leuten, die ich kenne, passiert sind. Es gibt nicht viele Szenen, die überhaupt keinen persönlichen Bezug zu mir haben.
Ich bin in einer Wohnsiedlung am Nordrand von Wien aufgewachsen, der 21. Bezirk war immer sehr proletarisch. Ich habe gern dort gewohnt, weil ich gespürt habe, dass das sehr nah am Leben ist. Du hast gewußt, wenn Herr X seine Tochter wieder einmal verprügelt hat, dass er sich dabei das Bein gebrochen hat und alle haben darüber gelacht. Jeder wußte immer, wo was passierte.
Für mich waren die 90er Jahre eine Zeit großer politischer Veränderungen in Osteuropa. Und natürlich war da der Krieg in Ex-Jugoslawien, der uns seit 1992 beschäftigt hat oder auch nicht, den wir dazwischen schon so satt gehabt haben und der dann wiedergekehrt ist, kein Ende genommen hat. Und überall das Aufkommen der Rechten, das zur Folge hatte, dass auch die anderen Parteien noch ein bißchen weiter nach rechts rückten. "Politisch" zu sein ist nicht sehr modern oder vielleicht liegt das daran, dass es für junge Leute immer schwieriger wird, eine eigene Meinung zu haben.
Es stört mich nicht, wenn die Leute Nordrand als "Frauenfilm" bezeichnen. Ich schäme mich nicht dafür, aber ich mag es nicht, wenn man "Frauenfilme" und "Männerfilme" unterscheidet. Warum sind Filme von Frauen so oft "Frauenfilme" und die von Männern nie "Männerfilme"? Warum wird es besonders erwähnt, wenn ein Film von Frauen handelt, und als normal erachtet, wenn man von Männern erzählt?
Es ist eigenartig, dass es in Österreich so wenige Filme gibt, in denen Ausländer die Hauptpersonen sind. Wenn man in Wien mit der U-Bahn fährt, kann man viele verschiedene Sprachen hören. Ich wollte diese Sprachenvielfalt im Film, um die Atmosphäre so nahe wie möglich an der Realität zu halten. Ich mag dieses Sprachengemisch und ich arbeite gerne mit Leuten aus verschiedenen Kulturen und Gesellschaftsschichten.
Was ich am Filmemachen so mag, ist die Möglichkeit, den "Träumen" die selbe Wichtigkeit zu geben wie der Realität. Mir geht es auch um die Gleichzeitigkeit dieser unterschiedlichen Ebenen. Man kann im Film aus der Geschichte herausgehen, zu einer anderen Geschichte, zu einem anderen Menschen um dann zu verstehen: das ist nur ein kurzer Moment, ein Ausschnitt und es gibt noch viele andere mögliche Ausschnitte.