Im
kargen marokkanischen Hinterland hüten die beiden halbwüchsigen Brüder
Ahmed und Yussef
Ziegen für ihren Vater.
Zum Abwehren der Schakale haben sie vom Vater ein neues Jagdgewehr in die Hand
bekommen. Ob die großkalibrige Waffe tatsächlich kilometerweit schießen kann,
wollen sie von der Bergkuppe aus erproben. Der jüngere der Brüder visiert einen
weit im Tal vorbeifahrenden Reisebus an und feuert ab. Beinahe enttäuscht
beobachten sie, wie der Bus scheinbar unbeschädigt weiterfährt und der Schuss
ohne Konsequenzen bleibt. Doch nach einigen Sekunden stoppt die Fahrt, Menschen
laufen in Panik heraus. Die Hirtenjungen flüchten.
Die wohlhabenden Amerikaner Richard (Brad
Pitt) und Susan (Cate
Blanchett) versuchen im Marokko-Urlaub ihre Ehe wieder in den Griff zu
bekommen, doch dieses Vorhaben gestaltet sich schwierig. Während Susan jener Typ
Touristin ist, der sich sorgen macht, dass die Eiswürfeln im Getränk Krankheiten
übertragen könnten, erhofft sich Richard einen Neuanfang vom exotischen
Abenteuer.
Zuhause in San Diego wartet das mexikanische Kindermädchen
Amelia (Adriana Barraza) ungeduldig auf die
Rückkehr ihrer Arbeitgeber. Am Abend findet hinter der mexikanischen Grenze die
Hochzeit ihres Sohnes Luis statt. Ein tragisches Unglück in Marokko verhindert,
dass Richards Schwester als Babysitter für die Kinder Debbie und
Mike einspringen
kann. Verzweifelt versucht Amelia im Bekanntenkreis ein anderes Kindermädchen
aufzutreiben, doch ohne Erfolg. Als ihr Neffe Santiago
(Gael García Bernal) schließlich vor der Tür steht,
um seine Tante zur Hochzeit zu fahren, nimmt Amelia die beiden Kinder
kurzentschlossen mit.
Während die marokkanische Polizei nach dem Gewehrschützen fahndet und der
gedankenlose Streich der Hirtenjungen sich in der weltweiten medialen
Berichterstattung immer mehr als terroristisches Attentat darstellt, ahnt weit
entfernt in Tokio die taubstumme Chieko (Rinko
Kikuchi) noch nicht, dass die Ereignisse unmittelbar auch ihr Leben und
das ihres Vaters Yasujiro (Kôji
Yakusho) nachhaltig beeinflussen werden. Sie rebelliert nach Kräften,
raucht, trinkt, nimmt nachmittags mit Altersgenossen in der Stadt Drogen und
versucht ihre Stummheit mit aufreizendem Verhalten wettzumachen.
Der
Schuss aus der Waffe des marokkanischen Hirten geht im wahrsten Sinne des Wortes
um die Welt, denn das ungewollte Attentat zieht seine Kreise von Marokko bis
nach Los Angeles, Mexiko und Tokio. In drei parallelen Handlungen zeigt "Babel",
wie vier Schicksale von unterschiedlichen Menschen auf drei Kontinenten durch
eine ganze Kette von Ereignissen miteinander verbunden werden. Wie kaum ein
anderer Gegenwartsregisseur vermag Alejandro González
Iñárritu Erzählstränge und –ebenen zu verknüpfen, wobei Räume aus ihrem
Zusammenhang und Zeitfolgen aus ihrer Chronologie gelöst werden. Die emotionalen
Reisen der Charaktere, in gewohnt raffiniert
ineinander geschachtelten Episoden erzählt, werden durch den Einsatz
unterschiedlicher Filmmaterialien und Formate visualisiert, hyperrealistische
Ästhetik trifft auf traditionelle Kinematografie. Iñárritu zelebriert die
unterschiedlichen Kulturen – die pittoreske Landschaft Marokkos, die üppige
Sinnlichkeit der mexikanischen Grenzregion, die schillernde Urbanität Tokios –
und schafft es, bei aller Gegensätzlichkeit der Schauplätze und Konflikte, doch
das Parallele und Verbindende der Geschichten zu akzentuieren.
Das zentrale Thema von „Babel“ ist die zwischenmenschliche Kommunikation – oder
die Unfähigkeit dazu. Der Hinweis auf das babylonischen Sprachgewirr im Titel
kommt nicht von ungefähr: „Babel“ spricht in vielen Sprachen, Spanisch und
Englisch, Japanisch, Arabisch und Zeichensprache. „Es geht um Menschen, die
versuchen, über alle Hindernisse und Sprachgrenzen hinweg zu kommunizieren, und
darum, wie zerbrechlich sie dabei sind“, erklärt Iñárritu. Und so ist manchmal
der Draht zwischen einem
amerikanischen Touristen und einem marokkanischen Reiseführer kürzer als der zu
den eigenen Landsleuten, ist die Begegnung eines verzweifelten japanischen
Teenagers
mit einem Fremden
herzerwärmender als das Verhältnis zum eigenen Vater.
Zur weltumspannenden Thematik trägt auch die Wahl der Schauspieler bei, neben
den Stars
Brad Pitt, Cate Blanchett und Gael García Bernal engagierte der Regisseur auch
eine großartige Laienriege.
Für sein vielschichtiges und bildgewaltiges Epos „Babel“, der nach „Amores
Perros“ und „21 Gramm“ seine Trilogie über
Missverständnisse, Zufall und Schicksal abschließt, wurde Iñárritu beim Festival
von Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet.